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15.10.2014 - Thomas Krammer

„Einen Cappuccino kann man nach wie vor nicht im Internet trinken.“ – Das große Tuepps-Interview zur OB-Wahl in Tübingen mit Amtsinhaber und Kandidat Boris Palmer


TÜBINGEN – Am kommenden Wochenende sind Oberbürgermeisterwahlen in Tübingen. Vergangene Woche haben wir von der Redaktion Tuepps daher ein ausführliches Gespräch mit Amtsinhaber und Kandidat Boris Palmer geführt. Neue Wege für Radfahrer, mehr sozialer Wohnungsbau und eine Nachtruhe für die Bewohner/innen der Altstadt, sind nur einige Punkte, die er im Falle einer Wiederwahl, umsetzen möchte. Alles Weitere lesen Sie in unserem großen Interview, dass wir für Sie in Themenbereiche gegliedert haben:


Wenn ich ein Fahrrad wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Herr Palmer, auf einem Ihrer Wahlplakate steht geschrieben: „Wenn ich ein Fahrrad wäre, würde ich Boris Palmer wieder wählen“. Sollten Sie für weiter acht Jahre das Amt des Oberbürgermeisters in Tübingen ausüben, wie gedenken Sie die Situation für Radfahrer/innen weiter zu verbessern – Stichwort „Altstadtquerung“?

Boris Palmer: Als ich vor acht Jahren angefangen habe, hatten wir ein Budget von 50.000 Euro für den Radverkehr, jetzt liegen wir bei 500.000 Euro. Wir haben ein Radverkehrskonzept erarbeitet und im Gemeinderat verabschiedet: Gerade werden 600 neue Schilder für die Wegweisung durch die gesamte Stadt aufgestellt. In sofern kann man sagen, es ist etwas passiert. Aber es ist noch etwas zu tun. Wir haben vor allem im Zentrum der Stadt ein Problem durch den Einbahnstraßenring. Da kann man sinnvoll erst dann etwas verbessern, wenn dieser aufgehoben wird. Ich habe fest vor, die Radwege dann auf die Straße zu legen, anstatt sie weiter sinnlos über die Gehwege zu führen. Das reduziert Konflikte.
In der Altstadt möchte ich dem Gemeinderat vorschlagen, die Fußgängerzone wirklich strikt zu einer solchen zu machen. Wir haben nämlich im Moment sowohl Probleme mit Lieferfahrzeugen und Pkws als auch mit Radfahrern, die sich nicht an das Gebot zum Absteigen halten. Aufgrund der Vielzahl der Verstöße ist eine reine Fußgängerzone im Augenblick nicht durchsetzbar. Ich möchte dem Gemeinderat daher vorschlagen, die Fußgängerzone mit Pollern so abzusperren, dass keine Autos mehr reinkommen. Dann sollen aber auch keine Fahrräder mehr drin sein. Um das aber real durchzusetzen, braucht es für Radfahrer eine nutzbare Altstadtqerung. Die fehlt im Moment. Wenn man eine Querung haben möchte, kann das eigentlich nur über die Kornhausstraße gehen. Das ist im Gemeinderat bisher nicht mehrheitsfähig gewesen. Ich hoffe aber, dass sich das künftig machen lässt, sodass wir tatsächlich zu einer stärkeren Trennung von reiner Fußgängerzone und Radquerung in der Altstadt kommen.

Wenn ich ein Auto wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Von den Radfahrern zu den Autofahrern. Als in der Tübinger Innenstadt überall Tempo 30 kam, waren viele Autofahrer sehr verärgert. Den Ärger bekamen auch Sie zu spüren, obwohl Sie in erster Linie dafür gar nicht verantwortlich waren. Seit Kurzem gilt an einigen Stellen Tempo 40. Viele Autofahrer sind aber insgesamt mit der Verkehrs- und Parksituation in Tübingen unglücklich. Neben Fußgängern und Radfahrern gibt es aber nun einmal auch diejenigen, die mit dem Pkw in die Stadt möchten, zum Beispiel um in der Innenstadt einzukaufen. Wie können Sie die Autofahrer und damit auch viele Einzelhändler in Tübingen zufriedener stellen?

Boris Palmer: In nahezu jeder Stadt gibt es heute klar das Ziel, den Autoverkehr zu reduzieren. Das kann auch mit einem grünen Oberbürgermeister nicht anders sein. Dazu stehe ich, weil das Auto einfach zu viel Platz wegnimmt, zu viel Lärm macht und zu viel Dreck in der Atemluft hinterlässt. Deswegen ist das Ziel nicht, die Autofahrer zufriedenzustellen. Aber, es gibt Dinge, die man besser machen kann als bisher. Dazu gehört insbesondere das Leitsystem, das inzwischen beschlossen und finanziert ist und nächstes Jahr gebaut wird. Damit wird man künftig direkt zu einem Parkplatz geführt, ohne umständlich suchen zu müssen. Das halte ich für richtig. Und auch hier ist die Auflösung des Einbahnstraßenrings die bestdenkbare Maßnahme, weil sie für Fremde die Orientierung verbessert, die Wege verkürzt und etwa ein Drittel des Autoverkehrs im Zentrum einspart. Alle anderen Maßnahmen, die ich zum Teil von der Konkurrenz höre, wie „billigeres Parken“ oder „mehr Parkplätze im Zentrum“, kann ich nicht in mein Programm aufnehmen. Ich halt’s auch nicht für richtig.

Wenn ich ein Bus wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Ein großes Aufregerthema während Ihrer Amtszeit, war die „Citymaut“, die ja wieder vom Tisch ist. Damit einher ging aber auch der Vorschlag den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) für Tübingerinnen und Tübinger kostenlos anzubieten – Stichwort „fahren mit dem Personalausweis“. Verfolgen Sie dieses Ziel noch und glauben Sie, dass sich so ein Vorhaben in den kommenden Jahren umsetzen lässt? Oder haben Sie inzwischen andere Ideen, um den ÖPNV in Tübingen noch attraktiver zu machen, damit noch mehr Menschen umsteigen und der Individualverkehr mit dem Pkw zurückgeh?

Boris Palmer: Unser TüBus ist inzwischen so gut ausgebaut, dass man mit ein paar kleineren Verbesserungen auch nicht mehr viel erreichen kann. Bei Taktfrequenzen von zehn oder fünf Minuten auf den Hauptstrecken lässt sich nicht mehr viel draufpacken. Deshalb glaube ich wir brauchen innovative Ansätze. Ich halte das Abschaffen des Fahrscheins, also das Fahren mit dem Personalausweis, für eine sehr gute Idee, die viele Menschen, die im Moment sagen, „eine Monatskarte lohnt sich nicht“ oder „ein Einzelfahrschein ist mir zu teuer“, zusätzlich in den Bus bringen würde. Damit könnten wir uns ein wesentlich besseres Bussystem leisten. Es fehlt uns leider noch die Rechtsgrundlage. Ich schlage vor, wenn das Land uns eine Rechtsgrundlage gibt, diese zu nutzen und durch einen Bürgerentscheid zu klären, ob die Mehrheit der Bevölkerung in der Stadt bereit ist, durch eine Umlage den Busverkehr zu finanzieren – damit ihn alle ohne Fahrschein nutzen können.

Wenn ich ein Tier wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Ein Thema, das jüngst für Schlagzeilen sorgte und mehr als 1.000 Demonstranten nach Tübingen lockte, sind die Tierversuche am Max-Plank-Institut (MPI). Sie haben Ihre Position dazu klargestellt und gesagt, dass Sie Tierversuche wie am MPI grundsätzlich nicht ablehnen und als Stadtoberhaupt einer Universitätsstadt auch den Bereich Forschung unterstützen müssten. Sie haben sich als Kuratoriumsmitglied am MPI selbst ein Bild von den Zuständen in den Versuchslaboren gemacht, mit dem Ergebnis, dass die Bilder, die die Organisation SOKO Tierschutz verbreitet hat „manipuliert“ sein sollen. Eine unabhängige Untersuchung sieht aber anders aus.

Boris Palmer: Eine unabhängige Untersuchung passiert ja. Dafür gibt es die Aufsicht. Diese ist allerdings beim Land angesiedelt und nicht bei der Stadt. Ich kann mir als Mensch nur ein eigenes Bild von den Forschern machen, kann mit ihnen reden und kann so meinen persönlichen Eindruck gewinnen, und den gebe ich wieder. Mein Eindruck ist, das sind zuverlässige und vertrauensvolle Leute, die dort arbeiten. Und die Mitglieder dieser Tierschutzorganisation, die diese Bilder produzi eren, sind unzuverlässig und verfälschen Tatsachen. Teilweise gibt es dort sogar kriminelle Hintergründe und das spreche ich so deutlich aus, wie ich es meine.

Wenn ich 100 Prozent Tübingen wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Her Palmer, man hat Ihnen schön öfter vorgeworfen, dass Sie mit politischen Ämtern auf Landes- oder Bundesebene liebäugeln. Insbesondere während der Proteste gegen Stuttgart 21, warf man Ihnen vor, dass Sie an manchen Tagen mehr Zeit in der Landeshauptstadt als in Tübingen verbringen würden. Bei den nächsten Landtagswahlen könnte es durchaus zu einer schwarz-grünen Landesregierung kommen und die Frage was Sie dann machen könnte wieder auftauchen. Ihre Mitbewerberin um das Amt des Stadtoberhauptes, Frau Soltys, hat den Wahlspruch „100 Prozent für Tübingen“ auf ihren Plakaten stehen. Werden Sie sich auch zu 100 Prozent auf Tübingen konzentrieren?

Boris Palmer: Also dazu fällt mir der Ratschlag meines Vaters ein, man möge sich vor100-Prozentigen in Acht nehmen, denn die seien potenziell gefährlich. 100 Prozent gibt es im Leben selten. Den Vorwurf, dass ich zu wenig für Tübingen machen würde, weil ich medial auch anderswo Aufmerksamkeit finde, den finde ich fadenscheinig. Nehmen wir mal die Oberbürgermeisterin aus Reutlingen, Frau Bosch, sie ist Städtetagspräsidentin. Offen gestanden, dieses Amt nimmt sehr viel mehr Zeit in Anspruch, als hin und wieder Abends um acht den Flieger zu einer Talkshow nach Berlin zu nehmen, und am nächsten Morgen um fünf wieder zurückzufliegen. Man bekommt nur nicht soviel mit von der Zeit, die die Kollegin aus Reutlingen investiert als von einer Talkshow. Unser Landrat ist Präsident des baden-württembergischen Landkreistags. Auch das ist ein sehr zeitaufwendiges Zusatzamt. Fast jeder OB hat zahlreiche Ehrenämter. Insofern ist der Vorwurf, man kümmere sich nicht genügend um das eigene Amt wohlfeil und hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Die Masse meiner Tätigkeit sieht man eben Außen nicht. Ich bin tagsüber in der Verwaltung tätig und das allermeiste davon gelangt nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Was die nächste Landtagswahl anbetrifft, da steht jedenfalls fest, dass ich mich nirgendwo zur Wahl stellen werde. Ich weiß auch nicht, wie die Wahl ausgehen wird. Aber was ich sagen kann, ist, dass ich, als es sehr viel interessanter war, Regierungsmitglied zu werden, nämlich unter einem grünen Ministerpräsidenten, meine Entscheidung für Tübingen getroffen habe.

Wenn ich eine Wohnung wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Städte im Allgemeinen und Universitätsstädte wie Tübingen im Besonderen erfahren seit Jahren eine rasante Bevölkerungszunahme. Durch die Bebauung innerstädtischer Flächen sind in den vergangenen Jahren viele neue Wohnungen geschaffen werden. Auf dem Güterbahnhofsareal wird in den kommenden Jahren noch einmal großes Wohnquartier entstehen. Trotzdem sind in Tübingen in den letzten beiden Jahren bei Wohnungen, die zwischen vier und acht Jahre alt sind, die Mietkosten um knapp 30 Prozent gestiegen. Da hilft auch eine Mietpreisbremse mit zahlreichen Ausnahmen, wie sie die Bundesregierung derzeit plant, nur wenig. Wie wollen Sie künftig dafür sorgen, dass es in Tübingen noch bezahlbaren Wohnraum gibt?

Boris Palmer: Im Moment gibt es in allen attraktiven Städten diesen drastischen Preisauftrieb, weil das Geld, das Kapital einen sicheren Hafen sucht und sich in Immobilien stürzt und das treibt die Preise. Das wird man durch neue Baugebiete überhaupt nicht in den Griff bekommen können. Wir können Tübingen nicht einfach mal geschwind um 30 Prozent vergrößern. Dafür fehlen alle rechtlichen, planerischen und faktischen Voraussetzungen. Wa s man machen kann, ist, in bestimmten Segmenten Angebote zu schaffen. Deshalb sage ich, wir müssen die Sozialwohnungen in der Stadt durch Neubau verdoppeln. Wir sollten das Bautempo deshalb auch noch einmal erhöhen. Es ist seit den 70er Jahren, mit 400 Neubauwohnungen pro Jahr, jetzt schon auf einem Rekordhoch. Ich glaube, dass wir 500 schaffen können. Mehr geht verträglich nicht. Aber das erleichtert nur die Wohnungssuche. Das wird nicht die Preise reduzieren. Und ob es zu einer Begrenzung der Mietpreise nach oben kommt, hängt tatsächlich von der Gesetzgebung ab. Wie die Mitpreisbremse aussehen wird, wissen wir derzeit alle noch nicht genau. Je nachdem wie effektiv sie ist, kann man mit ihr möglicherweise einer weiteren Aufwärtsspirale begegnen. Die wichtigste Voraussetzung haben wir hier schon geschaffen, indem es in Tübingen einen qualifizierten Mietspiegel gibt, den es früher nicht gab.

Thomas Krammer / Tuepps: In Tübingen fehlt es an Wohnraum, gleichzeitig stehen viele Wohnungen ohne erkennbaren Grund leer. Es gibt ja den schönen Grundsatz, dass Eigentum auch verpflichtet. Kann die Stadt Wohnungseigentümer nicht dazu anhalten, ihre leer stehende Wohnungen zur Verfügung zu stellen?

Boris Palmer: Bisher nicht. Es gibt keine Rechtsgrundlage dafür. Die wird derzeit geschaffen über die sogenannte Zweckentfremdungs-Verordnung. Wir müssen, wenn sie Gesetz wird, mit dem Gemeinderat darüber diskutieren, ob wir sie anwenden wollen. Es gibt geschätzt derzeit ein Potenzial von ungefähr 400 dauerhaft leer stehenden Wohnungen in der Stadt, das etspricht etwa eine Jahresneubaurate. Das ist nicht nichts und man sollte das Thema auch ernsthaft diskutieren, aber das Wohnungsproblem lösen, kann man damit auch nicht.

Wenn ich Bürgerbeteiligung wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Bürgerbeteiligung hat seit Stuttgart 21 Konjunktur. Doch nicht immer wird sie richtig gemacht. Bei der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 mussten aufgrund der Fragestellung Projektgegner mit Ja stimmen und umgekehrt. An der Wilhelmstraße beim Alten Botanischen Garten sollte mit den „Parkaden“ ein Multifunktionsgebäude mit großem Konzertsaal, finanziert durch die Karl-Schlecht-Stiftung, entstehen. Bei einer Informationsveranstaltung im Sparkassen Carree sprachen sich einige Hundert Menschen gegen das Projekt aus, woraufhin sich Stifter Karl Schlecht von dem Projekt verabschiedete. Aus einer Informationsveranstaltung wurde somit plötzlich eine Art Bürgerentscheid. Hätte man nicht jenseits dieser Veranstaltung ein repräsentatives Stimmungsbild aus der Tübinger Bevölkerung einholen müssen?

Boris Palmer: Also erstens glaube ich, dass das Herrn Schlecht nicht besonders interessiert hätte, weil der Eindruck zählt. Man erlebt so eine Bürgerversammlung und nimmt die Stimmung auf. Zweitens ist es in einer Demokratie so, dass diejenigen, die nicht wählen auch nicht entscheiden. Demokratie lebt vom Mitmachen. Und das bei so einer Veranstaltung Mobilisierungseffekte eintreten, das ist von vorneherein einzukalkulieren. Daraus kann man nur schlussfolgern, wenn man etwas will, muss man sich dafür einsetzten.

Thomas Krammer / Tuepps: Das war aber keine Wahl, sondern eine Informationsveranstaltung, an deren Ende plötzlich eine Art Abstimmung stand. Da werden doch zweierlei Dinge nicht klar getrennt. So lässt sich doch kein repräsentativer Wille der Bürgerinnen und Bürger der Stadt ermitteln.

Boris Palmer: Ich sehe das anders. Ich glaube es war genau richtig, das so zu machen und es waren zahlreiche Multiplikatoren aus der Stadtgesellschaft anwesend – auch diejenigen, die ein Interesse am Projekt „Parkaden“ hatten. Die Gesamtstimmung war eben sehr geteilt. Und meine Gespräche in der Stadt kamen zum gleichen Ergebnis. Für den Spender wäre aber ei ne sehr große Einigkeit in der Stadtgesellschaft Voraussetzung für das Projekt gewesen. Es war allerdings absehbar, dass die kritischen Stimmen nicht verstummen werden. Insofern haben manchmal kritische Stimmen auch eine Veto-Position.

Wenn ich das Nachtleben wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: In den Parkaden sollte ein großer Konzertsaal entstehen, der durch das Scheitern des Projekts nun nicht kommen wird. Geplant ist aber die Erweiterung des Sudhaussaals von derzeit 350 auf 600 Sitzplätze. Schon heute gibt es dort Ärger mit Anwohnern, vor allem auch wegen der zahlreichen Gäste, die ihre Pkws in den Wohngebieten abstellen und bei der An- und Abreise Lärm verursachen. Wie wollen sie dieses Problem in den Griff bekommen?

Boris Palmer: Dafür gibt es klare rechtliche Rahmenbedingungen. Zu denen zählt, dass das Parken bestimmte Grenzwerte in der Lautstärke nicht übersteigen darf. Und nach allem was wir heute wissen, geht das nur, wenn man beim Sudhaus ein Parkhaus baut.

Stephan Eissler / partykel.info: Damit sind wir beim Thema Nachtruhe angelangt. Zum einen wollen Anwohner insbesondere in der Altstadt, nachts in ruhe schlafen. Auf der anderen Seite gibt es die Nachtschwärmer, die in Tübingen auch gerne feiern möchten. Es sieht immer mehr danach aus, als wären die Fronten zwischen beiden Gruppen verhärtet. Wie gedenken Sie in Ihrer möglichen zweiten Amtsperiode zwischen den Parteien zu moderieren, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Boris Palmer: Die Fronten sind verhärtet. Und was die jungen Leute glaube ich erst einmal akzeptieren müssen, ist die Tatsache, dass die, die hier wohnen, sagen, es wird immer schlimmer und ist in den letzten Jahren sehr viel schlimmer geworden. Das wird nämlich immer bestritten. Es gibt auch Gründe dafür: Man geht immer später weg. Zu meiner Zeit konnte man am 10 noch weg. Das ist heute gar nicht mehr möglich. Das sehe ich, wenn ich unterwegs bin und Wahlkampfmaterialien verteile. Im Blauen Turm macht das vor 1 Uhr überhaupt keinen Sinn – die Tanzfläche ist leer. Das war, als ich Student war, anders. Es gibt auch einen Grund dafür: Wegfall der Sperrzeitverordnung. Damit hat sich das Ausgehen immer weiter in die Nacht hinein verlagert. Hinzukommt, dass das Rauchverbot die Leute auf die Straße getrieben hat. Und die harten Alkoholika mit Zucker haben den Alkoholpegel des durchschnittlichen nächtlichen Freizeitgängers erhöht. Das alles führt zu mehr Gewalt, mehr Lautstärke, mehr Kotzattacken, mehr Pisserrei. Und dass das die Leute, die in der Altstadt leben – das sind immerhin 5.000 Menschen – nicht freut, muss man einfach mal so zur Kenntnis nehmen. Früher konnte man wenigstens von 2 bis um 6 Uhr schlafen, heute überhaupt nicht mehr. Das hält auf dauer keiner aus.
Was kann man machen? Das ist leider schwierig, denn diese genannten veränderten Bedingungen kann die Stadt nicht zurückdrehen. Das sind nämlich keine städtischen Gesetze. Und so etwas wie das kollektive Verhalten von Nachtschwärmern zu ändern, ist sowieso fast unmöglich. Also mein Vorschlag wäre, geht einfach wieder um 10 weg und macht um 2 Schluss, dann können alle von 2 bis 6 schlafen und Ihr habt am nächsten Tag nicht so einen Kater. Aber vermutlich wird das nicht passieren. Obwohl man dann genau soviel Zeit zum Feiern hätte und sich nicht vorher gelangweilt einen antrinken müsste, um den Abend irgendwann gut zu finden. Aber das ist jetzt lediglich meine kulturpsychologische Beobachtung.
Was kann man also realistisch machen? Man kann versuchen zu entzerren, das heißt neue Locations anzubieten die weniger Probleme bieten – zum Beispiel im Bahnhofsareal, da gibt es kaum Anwo hner. Und man kann versuchen bei Nacht den Anwohnern mehr Schutz zu gewähren, das heißt, dass es glaube ich n icht anders geht, als die Zahl der Ordnungskräfte, die nachts auf der Straße unterwegs sind, weiter zu erhöhen. So wie es jetzt im Moment ist, funktioniert es für beide Seiten leider nicht gut.

Stephan Eissler / partykel.info: Aufgrund der von Ihnen beschriebenen Veränderungen im Nachtleben, haben Sie schon häufiger nach einem Verbot des Alkoholkonsums an öffentlichen Plätzen gerufen. Was ist da in den kommenden Jahren zu erwarten?

Boris Palmer: Der Baden-Württembergische Städtetag fordert einvernehmlich eine solche Rechtsverordnung. Da spielt die Farbe des OB überhaupt keine Rolle. Alle wollen sie. Solange es diese Rechtsverordnung nicht gibt, und es ist nicht absehbar, wann sich das ändert, können Kommunen keine solchen Alkoholkonsumverbote aussprechen. Und dabei bleibt es erst einmal.

Wenn ich der Einzelhandel wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Onlineshopping, große Einkaufszentren im Außenbereich und eine schwierige Verkehrssituation in der Innenstadt: Der Einzelhandel ist im Umbruch und steht vor schwierigen Herausforderungen. Seit ich vor 20 Jahren zum Studium nach Tübingen gekommen bin, beobachte ich diese Entwicklung an einem Geschäft wie dem Rimpo Tonträger. Erstreckte sich die Verkaufsfläche des Musikfachhändlers damals auf zwei gegenüberliegende Gebäude a zwei Etagen, zog sich das Geschäft einige Jahre später auf eines der Gebäude zurück. Inzwischen ist es umgezogen und betreibt nur noch einen kleinen Verkaufsladen auf einer Etage. Herr Palmer, wie möchten sie dem Einzelhandel in Tübingen helfen?

Boris Palmer: Das Beispiel mit dem Rimpo ist ja ein ganz gutes, weil es zeigt, wo die Ursache liegt: meistens im Abwandern in das Internet. Wenn nur noch Leute in unserem Alter CDs kaufen und alle jungen Leute den Download benutzen, wie soll so ein Geschäft dann Umsatz machen. Diesen Trend wird niemand verhindern können, kein OB der Welt. Was wir aber gerade wieder durch eine Untersuchung des Einzelhandelsverbandes bestätigt bekommen haben, ist, dass Tübingen keine uniforme Handelsstadt ist. Es gibt hier einen extrem hohen Anteil an Geschäfte, die es sonst so nirgendwo gibt. Diese Struktur haben wir bislang erhalten können. Und was kann man tun, um diesen guten Bestand zu schützen? Wir müssen eben das, was uns auszeichnet, weiter ausbauen. Die Stärke von Tübingen ist das Shoppingerlebnis, also die Kombination aus Geschäften, schöner Stadt und Freizeit. Und das bedeutet, dass wir genau da investieren. Deshalb machen wir solch große Umbaumaßnahmen, wie im Zinserdreieck oder in der Mühlstraße, deswegen schaffen wir Naherholungsflächen, deswegen bauen wir Straßen um, damit sie gut begehbar sind, sozusagen damit Rollator und Stöckelschuhe problemlos in die Geschäfte kommen. Und da sehe ich die große Chance für Tübingen. Denn dieses Flair kann das Internet nicht vermitteln. Der Online-Einkauf ist zwar praktisch und günstig. Aber man kann im Internet nach wie vor keinen Cappuccino trinken.

Wenn ich eine Vision wäre, ...

Thomas Krammer / Tuepps: Als Oberbürgermeister wird man für acht Jahre gewählt. Da hat man nicht nur Pläne für die kommenden Monate. Was haben Sie sich für eine möglich nächste Amtszeit vorgenommen? Wie wollen Sie Tübingen weiterentwickeln?

Boris Palmer: Das Stichwort „weiter“ ist ja auch der Kern meines Wahlprogramms. Und „weiter“ heißt erst einmal die Strategie fortzusetzen, die wir eingeschlagen haben. Die lässt sich kennzeichnen durch einen starken wirtschaftlichen Aufschwung, die Förderung neuer und innovativer Betriebe und durch 5.000 neuen Arbeitsplätzen in den letzten acht Jahren. Das möchte ich so fortsetzen: Gewerbeflächen bereitstellen, Unternehmen fördern, gezielt in innovative Technologien und Dienstleistungen gehen. Ich möchte das auch weiter machen, ohne die Umwelt dabei zu zerstören. Deswegen sehe ich Klimaschutz als kommunale Kernaufgabe. Auch da waren wir erfolgreich: minus 18 Prozent CO2-Ausstoß pro Kopf. Mein Ziel ist es, den CO2-Ausstoß noch einmal um 25 Prozent zu reduzieren. Das soll kombiniert sein mit sozialer Infrastruktur. Deshalb möchte ich einen weiteren Ausbau der Kinderbetreuung durch Ganztagsschulen und auch Ganztagsgrundschulen, sodass wir ab dem ersten Lebensjahr eine durchgängig gute Bildungs- und Betreuungssituation haben.
Ich möchte auch einige neue Akzente setzen. Dazu gehört zum Beispiel ein Radschnellwegenetz, wo man auch kreuzungsfrei durch die Stadt kommt, ohne mit Fußgängern, Autos oder Ampeln in Konflikt zu geraten. Ich möchte mehr in Grünflächen investieren. Wir haben bisher sehr viel in Bauflächen investiert. Das muss auch weitergehen. Aber wenn man zusätzlich soviel Wohnraum schafft, dann brauchen die Menschen auch Naherholungsflächen. Deshalb der Vorschlag: Grünflächen aufwerten und eine Landesgartenschau nach Tübingen hohlen. Und im Sinne von „weiter“ aber auch im Sinne von „sehr viel weiter“, ist mein Vorschlag, im sozialen Wohnungsbau in den nächsten acht Jahren die Zahl der geförderten Wohnungen in der Stadt zu verdoppeln. Modifizieren möchte ich auch die Außenentwicklung. Wir haben in den letzten acht Jahren gar keine Neubaugebiete ausgewiesen. Ich glaube, dass wir jetzt maßvoll, also mit einem Baugebiet pro Jahr, im Außenbereich noch etwas tun müssen.


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19.10.2014 : 10:00 Uhr

WÄHLEN GEHEN!!! Oberbürgermeister-Wahl in Tübingen



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