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14.08.2015 - Thomas Krammer

Den Bluesrock respektvoll neu definiert: Die jungen Blues Pills begeistern auf der Sudhausbühne und dürfen von einer großen Karriere träumen


TÜBINGEN – Gitarrensoli und Bassläufe à la Ten Years After mit psychedelischen Einflüssen der Marken Led Zeppelin oder Pink Floyd zu Ummagumma-Zeiten, dazu eine bluesige Stimme mit Souleinflüssen die an Janis Joplin erinnert – nur weniger veraucht –, wer macht den heute noch so etwas? Das ist eine junge Band aus Schweden, das sind die Blues Pills. Und sie machen ihre Sache gut: Mit Respekt vor den 60er und 70er Jahren und doch im bewusstsein, dass die Zeit nicht stehe geblieben ist, verleihen sie einer großen Musik-Epoche neues Leben. Am vergangenen Mittwoch haben sie so den bestens gefüllten Sudhaus-Biergarten gerockt.

Blues Pills das ist Bluesrock, jedoch der komplexeren Art. Da sind eingängigere Stücke, wie die Singleauskopplung „High Class Woman“ dabei, die aber dennoch Raum und Zeit für schöne blusige Gitarrensoli lassen. Da sind Balladen dabei, jedoch keine Herz-Schmerz-Balladen sondern solche der melancholischen Art, wie „No Hope Left For Me“. Vor allem aber hat Sängerin Elin Larsson immer wieder Zeit den Schellenkraz in die Hand zu nehmen, nämlich dann wenn der aus Iowa stammende Bassist Zack Anderson mit seinen Bassläufen, die manchmal verspielt sind und manchmal bewusst monoton und stakkatohaft daherkommen, zusammen mit seinem Halbbruder Cory Berry am Schlagzeug, der gelegentlich genau das Gleiche zu spielen scheint als die Bassgitarre, einen Klangteppich für die Soli von Gitarrist Dorian Sorriaux bereitet. Der gebürtige Franzose spielt in der Tat neben rockigen Riffs bluesige Soli, die ein wenig an Bands wie Ten Years After erinnern, doch gelegentlich schließst er die Augen und scheint regelrecht abzuheben, durch ziehen, reiben, kratzen und schlagen der Gitarrensaiten holt er immer schrägere Töne aus seinem Instrument, bis die Gitarrre regelrecht ächtzt, stöhnt und schreit. Das kann dann live schon mal ein paar Minuten dauern, bis er von seinem Trip zurückkommt und der Blues wieder die Oberhand gewinnt. Das führt natürlich dazu, dass auch einige Songs die Radioüblichen dreieinhalb Minuten überschreiten. Und das ist gut so. Denn manche ihrer Songs brauchen eben Zeit um sich zu entwickel. Sie sind eben komplexer als der Mainstream, auch wenn sie hier und da Mainstreameinflüsse zulassen.

Und wer hört diesen Sound? Eben all jene die von seichter radiotauglicher Musik, von den üblichen Charts, von Helene Fischer und Co. genug haben. All jene die ein filigranes Gitarrenspiel lieben, die wissen, dass eine Bassgitarre mehr kann als im Rhythmus zu brummen und die eine powervolle Stimme, die harten, dreckigen, ehrlichen und sehr rockigen Blues schätzen. Und wer sind diese Leute? Wer sich am Mittwoch im Sudhaus umgesehen hat, hat dort den Familienvater um die 50 in Blue-Jeans und weisem Hemd nebem dem verliebten Ertsemester-Pärchen im Freizeitlook angetroffen, genauso den Heavy-Metal-Fan mit schwarzem T-Shirt oder den Rocker mit Kutte eines Tübinger Motoradclubs. Ein sehr gemischte Haufen unterschiedlichster Jahrgänge also. Bluesrock ist eben eine zeitlose Musik. Insofern passt der Begriff "Retro" auf die Blues Pills auch nicht so ganz. Wenn man mal einzelne Musiker der jungen Band – alle so um die 20 – herausnimmt, wie etwa  Bassist Zack Anderson, dann fühlt man sich beim Anblick seiner langen, dauergewellten Mähne, die meist das ganze Gesicht verdeckt, schon an das ein oder andere Plattencover aus den 60er oder 70er Jahren erinnert. Bei Elin Larsson hingegen – langes blondes Haar, schwarze Jeans und Bluse – würde auf der Straße keiner denken, dass eine Bluesrock-Lady vor einem steht. Der manchmal etwas veträumt schauende Gitarrist Dorian Sorriaux mit seinen halblangen kleingelockten Haaren wirkt wiederum mehr wie der Singer-Songwriter-Typ. Das Bühnenbild ist schon eher ein bisschen Retro, es spielt wie auch das Albumcover mit Elementen wie Sonne, Mond und Sterne und ist insgesamt sehr bunt.

Kurzum es macht eigentlich wenig Sinn die Blues Pills in irgendeine Schublade zu Packen. Sie lassen den Bluesrock wieder aufleben, aber auf ihre eigene erfrischende und sehr druckvolle und spielrisch ausergewöhnlich herausragende Art. Sängerin Larsson flitz ständig wie ein Wiesel über die Bühne und steht nur selten still und hat eine wirklich kräftige eindrucksvolle Stimme. Die beiden Gitarristen hingegen bewegen sich eher wenig und verbrennen ihre Kalorien dagegen fast ausschließlich mit ihren Fingen, dass allerdings mache n sie richtig gut. Die Blues Pills stehen bei dem Label Nuclear Blast unter Vertrag und haben im zurückliegenden Jahr schon auf den größeren deutschen Rock-Festivals gespielt. Der Anfang einer möglichen großen Karriere ist gemacht. Der Gig im Sudhaus war übrigens der drittletzte auf ihrer aktuellen Tour, denn Blues Pills gehen ins Studio, um an ihrem zweiten Album zu arbeiten, das noch vor dem nächsten Sommer erscheinen soll. Aber, „Wir kommen wieder, wir lieben Euch“, war Elin Larssons Botschaft am Ende des Konzerts. Und wenn nichts unvorhergesehenes dazwischen kommt, wird man von den Vieren wohl ohnehin noch so einiges hören.


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Veranstaltung(en) zu diesem Bericht

12.08.2015 : 19:30 Uhr

Sudhaus OpenAir

BLUES PILLS

special guest: MOTHER´S CAKE - präsentiert von MORITZ, WÜSTE WELLE



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