Stocherkahnfahren am Neckar in Tübingen

Das Stockerkahnrennen 2013 ist wieder Fronleichnam, Donnerstag 30. Mai 2013

Vorbei sind die Zeiten, wo man einen guten Kontakt zu einer Tübinger Verbindung haben musste, um in den Genuss einer Stocherkahnfahrt zu kommen. Heute geht man an einem schönen Sommertag einfach an eine der Anlegestellen, z.B. am Hölderlinturm oder an der Neckarbrücke und bezahlt einen Sitzplatz in einem der bereitstehenden Stocherkähne. Mindestens eine halbe Stunde sollte man dafür schon investieren, ab einer Stunde kann man dann einmal um die 950m lange Neckarinsel sich herumstochern lassen. Richtig genussvoll ist allerdings die Ausfahrt nur dann, wenn man es so macht wie die Studenten und einen ganzen Abend am Stocherkahn, z.B. mit Grillen und einem häufigen Umtrunk, verbringt.

Claus Hipp, der Neckarcaruso, im Abendlicht mit dem Stocherkahn unterwegs

Anfänger haben mit den leicht schaukelnden Booten oft Probleme, besonders wenn unvernünftige Mitreisende zu Schaukeln beginnen. Aber die Zillen - Boote sind sehr kippstabil und selbst wenn man umkippen sollte, ist der Neckar so seicht, dass ein Erwachsener oberhalb des Neckarmüllers an jeder Stelle des Neckars stehen kann. Allerdings sollte man - wie immer am Wasser - schwimmen können. Vor dem Stochern sollte man eine Toilette aufsuchen (z.B. die im Kiosk des BVV an der Neckarbrücke, die an der Stiftskirchenmauer ist gesperrt) und nach dem Stochern sollte man dann doch gemeinsam in einer Kneipe oder im Biergarten das Erlebnis besprechen.

Stocherkahnrennen 2009 (von Matthias Leyk)

'Stochern' konnte man früher nur in Tübingen, sowie in Cambridge und Oxford (punting the punts), im Spreewald wird man auf ähnlichen Booten 'gefahren'. Inzwischen wird das Stochern schon exportiert, beim Neckarfest in Rottenburg wird es auch dort angeboten.

"Die Stange bleibt am Mann"
Hug / Mielke, ISBN 3-924898-8, Universitas Verlag Tübingen, 2000
das Buch zum Stocherkahnrennen, erhältlich im Buchhandel.

Stocherkahn Souvenirs, erhältlich bei den Tourist Informationen an der Neckarbrücke

Stocherkahnfahrt ist nicht gleich Stocherkahnfahrt. Es kommt neben dem Wetter auch immer auf das Programm an, das dabei geboten wird. Bei den Stocherern kann man deren Spezialitäten nachlesen. Das Angebot ist vielfältig und reicht von der einfachen Fahrt bis zum  Kunstevent mit verschiedensten Darbietungen, z.B. auch mit einem literarischem Programm.

Dr. Rainer Schmidt, Stocherer aus Tübingen

Rainer Schmidt, Stocherer aus Tübingen

Stocherkahnrennen 2004

113 Kähne gestattet die Stadt ab dem Jahre 2001, 20 mehr als früher. Die Investitionen eines Stocherers sind gering. Ein Gewerbeschein, eine Haftpflichtversicherung und schon kann es losgehen. Kähne kann man sich ausborgen und die Ausbildung zum Stocherer ('Stocherkahndiplom') erfolgt meist autodidaktisch, das heißt durch stundenlanges Üben an einem Niederwassertag am Neckar, Kunden gewinnt man über das Internet und durch Mundpropaganda.

Viele Touristen versuchen es auch selbst einmal als Stocherer. Es ist nicht so leicht, wie es aussieht. Die Stocherstange ist 7 m lang, unhandlich und etwa 5 -10 kg schwer und da sie beim Eintauchen nass wird, wird es auch der Stocherer, die Stocherin (auch viele Studentinnen verstehen sich durchaus in dieser Kunst). Man braucht auf jeden Fall gute Schuhe, am besten Tennisschuhe, damit man nicht auf der kleinen, nassen Trittfläche dieser "schwäbischen Gondeln", die meist aus Oberösterreich kommen, ausrutscht und Kleidung zum Wechseln.

Stocherkahn mit Grill

Es ist viel leichter flussabwärts zu stochern und auch die Wasserhöhe und Geschwindigkeit spielen ein große Rolle. Meister in der Kunst des Stochern ist man, wenn man einen mit 12 Personen besetzten Kahn bei hohem, schnellfließendem Wasser (z.B. nach einem Regenguss) in der Flussmitte gerade stromaufwärts zügig weiterbringt.

Anlegestelle am Hölderlinturm

Ein Stocherkahn besteht aus Eichen- und Fichtenholz, wiegt zwischen 250 und 400 kg, ist etwa 10 m lang und bis zu 1,5 m breit. Er kann, je nach Größe, mit bis zu 18 Personen besetzt werden. Die Normalbesatzung ist bei 12 Personen und einem Stocherer. Die Kosten für eine Stunde Fahrt (mit Stocherer) beginnen bei 50 Euro pro Kahn, die Verlängerungsstunde ist dann billiger, am Wochenende wird es dafür teurer.

Die Logenplätze beim Stocherkahnrennen 2002 am Neckarturm

Die Konstruktion eines Stocherkahns ist durchaus interessant. Besonders die Sitzanordnung mit den gelochten Sitzbrettern macht den Stocherkahn flexibel und individuell für jede Gruppe. Das Loch in den Brettern, sowie die Schlaufe in der Stange erlauben mit einem Seil den gesamten Kahn, samt Inhalt, zu sichern.

Stocherkahnbauer

Anton Witti, Zillenbauer 
Freizell 4, A-4085 Wesenufer, Österreich
(baut die Kähne mit hoher Bordwand und großer Kapazität)

Hans Kircher, Schreinerei, Glaserei, Fischerbootsbau
Nepomukstr. 1, 76477 Elchesheim-Illingen 
(baut flachere Kähne aus Massivholz)

HolzWerk Siebert, Tübingen

www.stocherkahnbau.de

Wer sich selbst einen Stocherkahn gekauft hat, tat dies meist in einer Gemeinschaft. Es lohnt sich für eine einzige Familie kaum, sich einen Kahn zuzulegen. Nicht vergessen darf man, dass man von der Stadt einen Liegeplatz mieten muss. Zuständig ist dafür das Liegenschaftsamt im Rathaus. Die Kosten pro Jahr sind 25 Euro in der Bismarckstrasse bis zu 160 Euro am Hölderlinturm. In 2001 wurden am Casino in der Wöhrdstraße 20 neue Liegeplätze geschaffen, die auch jeweils 160 Euro kosten. Diese Preise gelten pro Saison (vom 1.4. bis 15.11.), im Winter muss der Kahn aus dem Wasser!

Stocherkahnanlegestelle beim Hölderlinturm in Tübingen

Das Tübinger Stocherkahnrennen

Berühmt ist inzwischen das jährliche Stocherkahnrennen, das zum ersten Mal 1956 (Initiator war das Haus Lichtenstein) stattfand. Es findet meist zu Fronleichnam statt, beginnt um etwa 13h beim Bügeleisen, das ist die Westspitze der Neckarinsel, dem Insele, wie die Tübinger sagen, geht dann den Neckar flussabwärts, dann muss man einmal in einer offenen 8-er Schleife den Pfeiler der Eberhardsbrücke umschiffen ('durch das Öhr') und dann geht es wieder flussaufwärts an den drei Gymnasien vorbei zum Bügeleisen. Besonders am Pfeiler der Neckarbrücke, beim Nadelöhr, kommt es zu dramatischen Szenen, weil sich hier zwei Gruppen ineinander und durcheinander bewegen. Hier geht es wirklich zur Sache.

Die Rennstrecke rund um die Plataneninsel

Ab 2000 kann man dieses Geschehen von der neuen und voll belastbaren Metallstiege beobachten, die alte baufällige Betonstiege wurde im Herbst 1999 abgerissen und erneuert. Will man einen guten Fotoplatz bekommen, dann muss man schon lange vorher auf der Treppe rund um den Neckarturm verharren. Das Gedränge ist in jedem Fall enorm, auch wenn der Termin für dieses Stocherkahnrennen immer noch nicht sehr bekannt ist. (Ähnlich groß ist auch das Interesse am Entenrennen.)

Die Menschenmassen strömen zum Stocherkahnrennen auf die Neckarinsel

Es ist ein europaweit einmaliger Wettkampf mit den taktischen Unterdisziplinen Paddeln, Entwässern, Unterstützung der Steuerung und Gegner wegstoßen. Bewegt (oder besser gesteuert) werden die Boote durch den Stocherer, aber wichtiger sind die vielen Paddler, die mit ihren bloßen Händen und den Rhythmus laut zählend das Boot weitertreiben.

Gedränge beim Nadelöhr

Am kritischsten für den Erfolg ist das genaue Wechseln von einer Seite zur anderen, denn die Paddler können immer nur einige Schläge (meist 20) mit einer Hand ausführen. Früher konnte man zum Paddeln noch die Sitzbretter verwenden, aber diese sind inzwischen nicht mehr gestattet.

Die Wettkampfregeln des Tübinger Stocherkahnrennens
(Unvollständiger, inoffizieller Auszug)

  1. Eine Stocherkahnmannschaft besteht aus acht Personen, einer Stocherstange und einem Stocherkahn.
  2. Als Fortbewegungsmittel sind nur die Stocherstange, sowie Arme und Beine der Mitglieder der Mannschaft erlaubt.
  3. Der Kurs des Stocherkahnrennens ist vorgegeben. Wichtig ist, dass jede Mannschaft bei jedem Passieren des Nadelöhrs ihre Startnummer hochhält. Durchquert eine Mannschaft nicht zweimal das Nadelöhr, so wird sie disqualifiziert und darf sich mit Lebertran stärken.
  4. Sieger ist diejenige Mannschaft, die das Ziel als erste erreicht, Verlierer ist diejenige, die das Ziel als letzte erreicht. Die Mannschaft muss das Ziel vollständig und gemeinsam erreichen.
  5. Der Sieger erhält den Wanderpokal und die Ehre, die Siegesfeier am selben Abend auszurichten.
  6. Die Verlierermannschaft hat sich der Stocherkahn-Lebertranregel zu unterwerfen und die große Ehre, das nächste Rennen auszurichten, an dem sie aber nicht teilnehmen soll.
  7. Jeder grobe Regelverstoß führt zur Disqualifikation und zur Anwendung der Lebertranregel.
  8. Die am originellsten kostümierte Mannschaft erhält einen Sonderpreis.
  9. Die Teilnahme erfolgt auf eigene Gefahr. Das Startgeld betrug in 2003 pro Kahn 40 € im Freien Rennen (und 55 €  beim Verbindungslauf).
  10. Die Mitnahme oder Benutzung von Schöpfwerkzeugen oder Eimern ist verboten.
  11. Es gilt das Gewohnheitsrecht des Stocherkahnrennens. Im Zweifel entscheidet verbindlich das Stocherkahngericht.
  12. Jede Mannschaft erklärt sich durch ihre Teilnahme mit den Wettkampfregeln einverstanden.

(Die offiziellen Regeln sind ständigen Änderungen unterworfen!)

Einige Bootsbesatzungen sind verkleidet oder sogar maskiert und geben weniger eine sportliche, als eine unterhaltende Note ab. Selbstverständlich fahren auch Frauenmannschaften mit, darf man doch nicht vergessen, dass Tübingen mehr Studentinnen als Studenten hat! Die SiegerInnen müssen das Fest am Abend ausrichten, eine clevere Gruppe wird deshalb eher den zweiten Platz anstreben. Die VerliererInnen müssen hingegen das nächste Rennen ausrichten und jeder der Teilnehmer muss einen halben Liter Lebertran trinken, den sie sich meist allerdings bei geschlossenem Mund dann einfach über das Gesicht gießen. Die Kleidung muss nach diesem Event (bei dem im Nadelöhr ohnehin alle im Wasser waren) sowieso gewechselt werden, da kommt es auf die zusätzlichen Fettflecken darauf nicht mehr an.

Stocherer beim Stocherkahnrennen 2004. Der Kampf um den vorletzten Platz!

Sieger und Verlierer  findet man inzwischen in der Wikipedia. Die Profistocherer sind meist im Vorteil, die Studenten üben offensichtlich zu wenig.

Michael Selchow

Winterliegeplatz der Stocherkähne beim Freibad

Originalverpackter Lebertran, zur Stärkung der Verlierer des Stocherkahnrennens

Ein häufiger Sieger, Michael Selchow, ist übrigens auch Vorsitzender vom Stocherkahnverein Tübingen (gegründet 1995). Seine Mitglieder 'teilen Freud und Leid des Stocherkahnfahrens' und sie erweisen sich u.a. mit ihrem sozialem Engagement als außerordentlich nützlich und wichtig für die Stadt Tübingen.

Stocherkahnprodukte

www.schokoladen-stocherkahn.de

Oft wird man mit einer Gruppe nach Tübingen kommen und dann eine Stunde mit Stocherkahnfahren einplanen wollen. Dafür empfehle ich die Dienstleistungen des Verkehrsvereins in Anspruch zu nehmen, auch wenn diese etwas teurer sind, als die direkten Buchungen beim Stocherer. Aber dafür kann man sich darauf verlassen, dass auch bei einem Ausfall sicher Ersatz vorhanden ist.

Bootsverleih an der Neckarbrücke

Man kann auch Stocherkahnfahrten bei Herrn Heiner Märkle, dem Bootsvermieter an der Neckarbrücke, im Voraus buchen (fon 07071 - 3 15 29) oder bei anderen Veranstaltern über das Internet. In jedem Falle sollte man vereinbaren, was der Ausfall der Fahrt wegen Schlechtwetters kosten darf. Bezahlt wird i.A. nach Ende der Fahrt direkt an den Stocherer.

Heiner Märkle an seinem Bootsverleih an der Neckarbrücke

Die Bedeutung des Stocherkahnfahrens in Tübingen wird inzwischen auch von der Stadtverwaltung als Ordnungsorgan gesehen. Im Jahre 2001 wurden deshalb die Anlegestellen erweitert (Bismarckstrasse, Hermann-Kurz-Strasse, neu die Wöhrdstraße und der Hölderlinturm) und das Fahren und Anlegen mit einer Rechtsverordnung geregelt. Da das Stocherkahnfahren in Tübingen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor (ein Stocherer verdient damit bis zu 20.000 € im Jahr) und ein bedeutender Imageträger geworden ist, wurde es auch Zeit, dafür zu sorgen, dass jetzt die Ordungsorgane bei Verstößen eingreifen können. Die wichtigste Neuerung ist, dass Boote nur an ausgewiesenen Liegeplätzen angelegt werden dürfen. Verboten ist es insbesondere Boote am Neckarufer an Bäumen, Büschen, Brückenpfeilern u.a. anzulegen.

Zur Geschichte des Stocherkahnfahrens in Tübingen

Schon auf ganz alten Ansichten findet man neben den Flößern Fischer mit ihren Nachen im Neckar. Aber erst nach dem Bau des Stauwerks (also nach 1912) wurde die damit gewonnene Wasserfläche im großen Stil zum Zeitvertreib benutzbar.

Die heute verwendeten Flachkähne sind ihrer Bauart nach Zillen und stammen mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Donauraum. Da ich dort aufgewachsen bin, habe ich bei den Bauern im Überschwemmungsgebiet der Donau westlich von Linz diese Boote häufig gesehen. Auf die Frage, warum die Zille so groß ist, wurde mir erklärt, dass man darin eine Kuh oder ein Pferd transportieren können muss.

Zillen in viel größerer Form (bis zu 30 Meter Länge und 7,5 Meter Breite) wurden als Einmalboote auch Ulmer Schachteln genannt. Auch sie wurden mit Stangen gesteuert. Sie wurden am Ziel zerlegt, das Holz wurde verkauft und sie dienten u.a. als Transportmittel für Auswanderer.

Ab wann Studentenverbindungen die Zillen zum Stochern verwendet haben und so die Stocherkähne geschaffen haben, ist mir im Detail nicht bekannt. Vielleicht weiß es ein Leser. Tatsache ist, dass es 1956 schon genügend Kähne gab, um damit das erste Stocherkahnrennen durchzuführen.

Trainieren fürs Stocherkahnrennen

Der Stocherkahnfilm
Wie ein Fluss Geschichte macht"

„in deinen Tälern wachte mein Herz mir auf" - unvergesslich bleibt die Erinnerung des schwäbischen Dichters Friedrich Hölderlin an unseren Neckar. Auch heute noch prägt dieser Fluss unsere Stadt, lädt zum Verweilen ein und ist Schauplatz des einzigartigen Stocherkahnrennens.

Zwei Amateurfilmer aus Tübingen haben nun mit der Kamera über ein ganzes Jahr hinweg die Boote, die Natur, die Menschen und die Stocherkähne rund um die Platanenallee beobachtet. Aus über 25 Stunden Videomaterial, Luftaufnahmen, Interviews und historischen Fotos ist ein 40-minütiger Film entstanden, der anlässlich des diesjährigen, 54. Stocherkahnrennens erstmals gezeigt wurde.

Die brandneue DVD mit allen drei Filmen wird ab diesem Abend erhältlich sein, danach auch in einigen Tübinger Geschäften (Osiander, Bürger & Verkehrsverein, Silberburg, Gastl,...), für 13.90€.

In Tübingen fehlt es? Amazon liefert es!
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2012 Otto Buchegger Tübingen                             tuepps.de/stocherkahn.html